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Die russische Sichtweise – Rede von Gerhard Schepper am 21.06.2021 vor dem Stalingrad-Denkmal in Münster zum 80. Jahrestag des Überfalls auf die Sowjetunion

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Ich gehöre der Generation an, deren Väter den Zweiten Weltkrieg verbrochen haben, deren Väter in Hitlers Wehrmacht kämpften, deren Väter unermessliches Leid über die Völker Europas und ganz besonders über die Bewohner der Sowjetunion gebracht haben. Da unsere Väter ihre Untaten nie wirklich aufgearbeitet haben, nie zu einer wirklichen Aussöhnung mit den Opfern und den Nachfahren der Opfer gekommen sind, ist es unsere Aufgabe, die Aufgabe der Söhne, Töchter und Enkel, zu einer wirklichen Völkerverständigung beizutragen und dafür zu sorgen, dass von deutschem Boden nie wieder ein Krieg ausgeht.

Diese Aufgabe wurde mir so richtig bewusst, als ich vor einigen Jahren die Orte in Russland bereiste, in denen mein Vater als Wehrmachtssoldat kämpfte. Um dieser Aufgabe gerecht zu werden, muss man die Sichtweise der Anderen kennen und ernst nehmen. Darum geht es mir hier und heute, am 80. Jahrestag des Überfalls auf die Sowjetunion: Die Sichtweise der Anderen, der Russen, aufzuzeigen und darzulegen, dass diese Sichtweise ihre Gründe hat.

Mein Vater war Soldat im Zweiten Weltkrieg, vom ersten bis zum letzten Tag, wie er immer betonte. Er war zunächst in Frankreich, dann in Jugoslawien und dann in der Sowjetunion. Er war einer von über 3 Mio. Soldaten, die am 22. Juni 1941 in die Sowjetunion einfielen. In wenigen Wochen stand er mit seiner Einheit in Kiew. Dann ging es weiter ins Donezbecken, Rostow am Don, das Kubangebiet und Noworossijsk. Sie sollten die Ölfelder von Baku erobern, aber am Kaukasus war Schluss. Da sind sie auf so hartnäckigen Widerstand gestoßen, dass der Blitzkrieg stockte. In Noworossijsk wurde er auch verwundet und lag einige Wochen im Lazarett in Gorjatschi Kljutsch. Danach ging es nur noch zurück, über die Straße von Kertsch auf die Krim und dann zurück nach Deutschland.

Mein Vater erzählte viele Jahre wenig über seine Erlebnisse. Wir wussten nur, dass der Krieg insgesamt „nicht schön“ gewesen war, er „Gott sei Dank“ von den Amerikanern gefangen genommen wurde und nicht den Russen in die Hände gefallen sei.

Dann kam die Intervention der Warschauer-Pakt-Staaten in die Tschechoslowakei. Es muss der 21. August 1968 gewesen sein, als mein Vater in panischer Eile aufs Feld gefahren kam. „Die Russen kommen“, stieß er hervor, „sofort nach Hause! Wir müssen uns in Sicherheit bringen. Wenn die mit uns machen, was wir mit ihnen gemacht haben, dann Gnade uns Gott.“ Meine Mutter und wir Kinder mussten die Feldarbeit abbrechen und zurück auf den Hof fahren. Das war eine groteske Situation, die tschechische Grenze war 400 km entfernt und die Russen machten keine Anstalten, in Deutschland einzumarschieren. Aber da brachen sich Erinnerungen Bahn, die er jahrelang verdrängt hatte. Ich war damals 14 Jahre alt und mir schwante, dass in Russland ungeheuerliche Dinge passiert sein mussten.

Als ich dann selber nach und nach mehr über den Russlandfeldzug, wie er den Krieg im Osten nannte, erfuhr, und ihn mit dem Vorwurf, an einem Vernichtungskrieg mitgemacht zu haben, konfrontierte, schob er alles auf die SS. Die Wehrmacht sei sauber geblieben, das war lange seine Antwort. Erst im hohen Alter gestand er ein, dass die Wehrmacht in die Verbrechen verstrickt war. Er erzählte von einem jungen Mädchen, das vor ihrer Erschießung noch ein Treuegelübte auf ihr Land abgelegt habe, von aufgegriffenen versprengten jungen Rotarmisten, die willkürlich und von Politkommissaren, die gezielt liquidiert wurden. Und auf dem Rückzug hätten sie Befehl gehabt, sämtliche Lebensgrundlagen zu zerstören, Häuser, Brücken, Eisenbahnlinien, Felder und auch das Vieh, was ihm als Bauernsohn besonders weh tat. „Es war nicht richtig, was wir in Russland getan haben“, sagte er, „aber wie soll man so etwas wieder gut machen?“ Diese Worte kamen aber erst spät über seine Lippen, er ging damals schon auf die 90 zu. Ich empfand es als eine Aufforderung, dieser Frage nachzugehen.

Sein Eingeständnis und seine Frage treiben mich seitdem um. Vor drei Jahren schließlich, sieben Jahre nach seinem Tod, begab ich mich auf seine Spuren. Ich wollte wissen, wie die Gegend und die Menschen aussehen, die er bekämpft hatte. Und ich wollte wissen, wie die Menschen heute darüber denken.

Zu zweit – meine Frau Ursula Münsterjohann begleitete mich – flogen wir nach Wolgograd, mieteten ein Auto und bereisten das Kubangebiet. Wir besuchten alle Stätten und Orte, an die sich mein Vater hatte erinnern können, fuhren über die neu gebaute Brücke auf die Krim – er hatte noch mit einem Schiff übersetzen müssen – und verbrachten eine Woche in Wolgograd. In diese Stadt, damals Stalingrad genannt, hatte es mein Vater allerdings nicht mehr geschafft. Sie hatten zwar Befehl, der 6. Armee zu Hilfe zu kommen, aber die Rote Armee war zu stark und der eigene Treibstoff zu knapp.

Für uns der erste Eindruck: Ein weites Land. Man kann kilometerweit fahren, ohne eine Siedlung zu sehen. Auf den Feldern im Kubangebiet Sonnenblumen wo man hinschaut. Ganz so, wie dies mein Vater beschrieben hatte. Sonst aber erinnert nichts mehr an seine Erzählungen. Keine Lehmhütten, keine Schlammpisten, keine in Lumpen bekleidete Menschen. Häuser, Straßen und Outfit der Menschen sind europäischer Standard, und die Gegend gehört ja auch zu Europa, das wurde uns so richtig erst auf dieser Reise klar. Der höchste Berg Europas, der Elbrus, befindet sich hier. Die Menschen sind gut gekleidet, vor allem die jungen Frauen, das Mobilfunknetz extrem gut. Ein Glück, denn oftmals waren wir auf den Google Übersetzer angewiesen. Drei Tage lang hatten wir aber auch eine Dolmetscherin engagiert, was die Gespräche mit den Menschen vor Ort wesentlich erleichterte.

Das Zweite, was auffällt: Überall Monumente, Denkmäler und Gedenksteine zum Zweiten Weltkrieg bzw. zum Großen Vaterländischen Krieg, wie die Russen ihn nennen. In jeder Stadt, in jedem Dorf, manchmal sogar an Kreuzungen in unbewohnten Gegenden. Aber nicht nur optisch ist der letzte Krieg noch präsent, auch in den Köpfen. So brauchten wir nicht lange darum herum reden, wenn wir nach der Vergangenheit fragten. Die Antworten kamen prompt und hatten fast immer einen Bezug zur Gegenwart. Was wir immer wieder hörten war in etwas dies: „Wir hassen euch nicht mehr für das, was ihr uns angetan habt. Aber warum hasst ihr uns immer noch? Warum stehen deutsche Panzer schon wieder an unserer Grenze?“ Und wenn wir uns verteidigten, das heutige Deutschland sei doch nicht mehr Nazi-Deutschland, entgegneten sie:. „Nein, ihr seid keine Nazis mehr. Aber wir ziehen uns zurück, und die Nato breitet sich aus. Wir haben euch noch nie angegriffen, aber ihr habt uns schon mehrfach überfallen. Und das letzte Mal war fürchterlich. Und jetzt steht ihr schon wieder an unserer Grenze. Warum?“ Da hörten wir immer auch Angst heraus, Angst vor den Deutschen und Angst vor der Nato. Angst vor den Deutschen? Das verblüffte uns zunächst. Aber nach und nach wurde uns klar, dass diese Angst der Menschen auf realen Erfahrungen aus der Geschichte beruhen.

Das unermessliche Leid des Krieges ist ihnen immer noch in Erinnerung: Über 27 Millionen Tote, über die Hälfte davon Zivilisten. Die Nazis hatten Befehl erteilt, in den besetzten Gebieten wöchentlich (!) 140 000 Zivilisten zu erschießen, vor allem Frauen im gebärfähigen Alter, aber auch Männer und Kinder, weil man Lebensraum schaffen wollte für die Ansiedlung von Deutschen. In Berlin, im Dokumentationszentrum Topographie des Terrors ist dokumentiert, dass die Kommandeure der Wehrmacht sich schon nach wenigen Wochen weigerten, derart viele Erschießungen durchführen zu lassen. Warum? Nicht etwa aus humanitären Gründen, sondern weil dies erhebliche Auswirkungen auf die Kampfmoral der Truppe habe. Den Soldaten schlug es schwer aufs Gemüt, wehrlose Zivilisten in die ausgehobenen Gruben schießen zu müssen. Daraufhin bekamen Polizisten aus dem Reichsgebiet Sonderurlaub, sie wurden eingeflogen und hatten nichts anderes zu tun, als die Massenerschießungen durchzuführen. Für diese Verbrechen gibt es nur ein Wort: Völkermord! Es gab in den besetzten Gebieten praktisch keine Familie, die nicht Tote zu beklagen hatte.

Gelitten haben sie aber auch an den unermesslich großen Anstrengungen zur Verteidigung ihres Landes. Sicher, so manche Heldentat der Roten Armee wurde von Stalin mit Gewalt erzwungen. Aber wenn diese stalinsche Gewalt nicht gewesen wäre, wer weiß, ob sie dann den Krieg gewonnen hätten, sagen sie. Deshalb sei es müßig, heute darüber zu spekulieren. Sie sehen Stalin mit anderen Augen, sie verehren ihn nicht mehr, aber sie verdammen ihn auch nicht.

Und nach 1945 hätte Westdeutschland alle Friedensinitiativen der Sowjetunion blockiert, sagen sie. Auch die ausgestreckten Hände Gorbatschows und Putins seien ausgeschlagen worden. Beide hätten eine Sicherheitspartnerschaft vorgeschlagen, auch eine militärische. Warum sei das abgelehnt worden, fragen sie? Gorbatschow habe im Haus Europa für alle einen Platz haben wollen und auch Putin habe im Deutschen Bundestag eine gleichberechtigte kooperative europäische Zusammenarbeit angeboten. Warum ist die deutsche Regierung dagegen? „Wir können tun und lassen, was wir wollen“, sagen sie, „ihr stellt euch immer gegen uns“.

Putin – ob er nicht ein Autokrat sei, fragen wir? Er sei mit einer deutlichen Mehrheit gewählt worden, sagen sie, und er habe den Ausverkauf des Landes gestoppt. Die Annexion der Krim? Von Annexion könne keine Rede sein, denn sowohl das Parlament als auch die Bewohner der Krim hätten in einem Referendum mit überwältigender Mehrheit entschieden, zur russischen Föderation gehören zu wollen. Völkerrechtswidrig? Es gebe im Völkerrecht das Selbstbestimmungsrecht der Völker und überhaupt sei die Krim schon immer russisch gewesen, in Zeiten der Sowjetunion nur zum Verwaltungsgebiet der Ukraine gekommen durch die zweifelhafte Entscheidung eines Einzelnen, Nikita Chruschtschow. Damals habe das keine Rolle gespielt, da ja alles zur Sowjetunion gehört habe.

Wir fahren auf die Krim und werden dort mit den gleichen Ansichten konfrontiert. 60 Prozent der Bewohner sind Russen, 25 % Ukrainer und 5 % Krimtataren. Wen wir auch fragen, alle begrüßen sie den Anschluss an die russische Föderation. Einleuchtend erklärt uns dies ein Ehepaar aus Belgien, das seit Jahrzehnten auf der Krim lebt. „Wir kennen niemanden, der zur Ukraine zurück will, selbst unter dem ukrainisch sprechenden Teil der Bevölkerung nicht“, sagen sie. Die Ukraine sei schon wirtschaftlich nicht in der Lage, ein funktionierendes Leben auf der Krim aufrecht zu erhalten. Oftmals habe es Wasser– und Stromausfälle gegeben. Seitdem sich Russland kümmere, werde gewaltig investiert. Aber auch von der Kultur gehöre die Krim zu Russland, sagen die Belgier, und zählen die Namen der russischen Schriftsteller auf, die sich mit der Krim verbunden fühlten: Puschkin, Tolstoi, Tschechow, Gorki.

Die Investitionen sind sichtbar, überall Baustellen. Vor allem neue Straßen und Bahntrassen werden gebaut, aber auch Umspannwerke und Anlagen zur Wasserversorgung. Wir fahren an der Südküste entlang über neue Straßen und alte Serpentinen, kommen manchmal zügig voran und stehen dann wieder stundenlang im Stau. Autos aus Russland schlängeln sich zu den Badeorten. International sind nur die Baumaschinen – trotz Sanktionen. In Jalta bewundern wir das überlebensgroße Bronzedenkmal mit Churchill, Roosevelt und Stalin vor dem Liwadija-Palast. Der schöne Ort und der beeindruckende Park mag den Sowjets damals geholfen haben, dass die Konferenz von Jalta Ergebnisse hervorbrachte, an denen unsere Gesprächspartner am liebsten heute noch festhalten würden. Die Vereinbarungen seien aber vom Westen revidiert worden. „Wir waren damals Alliierte und wurden dann zu Gegnern“, sagen sie, „und das lag nicht an uns.“

Verbitterung ist vielleicht das Wort, was die Grundhaltung der Menschen in Russland den Deutschen gegenüber am ehesten trifft. Verbitterung mit einem kleinen Funken Hoffnung. Diese Haltung begegnet uns schließlich auch in Wolgograd (von 1925 bis 1961 Stalingrad).

Wir besuchen den Mamajew-Hügel und staunen über die große Zahl der Besucher an einem gewöhnlichen Werktag, darunter viele junge Leute. „Hier kommen alle her, Eltern mit ihren Kindern, Großeltern mit ihren Enkeln, Liebespaare und selbst Hochzeitsgesellschaften“, erklärt unsere Dolmetscherin. „Die Erinnerung an den Sieg über den Faschismus und an die Toten der eigenen Familie ist so etwas wie ein kollektives Gedächtnis, es gehört zu unserer nationalen Identität“.

Das Mahnmal ist großzügig angelegt, um viele Menschen auf einmal aufnehmen zu können. Auf der Spitze des damals umkämpften Hügels, weit sichtbar über der Stadt, die 85 m hohe Statue „Mutter Heimat ruft“, eine Frau mit erhobenem Schwert, die mit weit geöffnetem Mund die Söhne des Landes zur Verteidigung ruft. Auf halber Höhe die Ehrenhalle für die gefallenen Verteidiger Stalingrads, fast eine Million Soldaten und Zivilisten. Ganz unten, am Beginn der breiten Treppenstufen ist eine Inschrift in Stein gehauen mit folgendem Text: „Es werden Jahre und Jahrzehnte vergehen, neue Generationen werden geboren, sie werden hierher kommen mit Blumen, ihre Enkel und Urenkel mitbringen, die wiederum ihre Kinder mitnehmen. Hier werden sie stehen über die Vergangenheit nachdenkend, träumend über die Zukunft, und werden sich an die erinnern, die hier gefallen sind um das ewige Feuer des Lebens zu schützen.“ Unsere Dolmetscherin, die uns die Inschrift übersetzt hat, kann ihre Rührung nicht verbergen. Eine andere Erinnerungskultur als die der Deutschen.

Das wird deutlich, als wir den deutschen Soldatenfriedhof in Rossoschka westlich von Wolgograd besuchen. Wir gewinnen mit jedem Schritt durch die Gedenkstätte mehr den Eindruck, dass mit unserer Erinnerungskultur etwas nicht stimmt. Die Namen der fast 200 000 gefallenen und vermissten deutschen Soldaten in große Granitblöcke und Steinplatten gehauen, als gelte es, sie zu ehren. Das wirkt protzig-trotzig im Vergleich zu den eher bescheidenen Gräbern der Rotarmisten auf dem russischen Soldatenfriedhof, der seit kurzem in unmittelbarer Nähe angelegt wird. Die Inschriften geben keinen Hinweis, was hier passiert ist. Es soll ganz allgemein den Soldaten des zweiten Weltkrieges und der Opfer aller Kriege gedacht werden. Alle Toten sind also gleichermaßen Opfer, Täter gibt es nicht. Kein Schuldeingeständnis und keine Bitte um Verzeihung oder Versöhnung. „Der Sturm des Krieges“ hat die Dörfer zerstört, auf denen der Friedhof angelegt ist, steht da zu lesen, nicht die deutsche Wehrmacht. Und dann wird der Besucher aufgefordert, dafür zu sorgen, dass „ewiger Friede wird auf dieser Erde“. Ewiger Friede, kann es das nicht nur im Tode geben? Wir können uns des Eindrucks nicht erwehren, dass die Formulierung eine Flucht ist. Man verweigert das Naheliegende, was für einen dauerhaften Frieden notwendig wäre: Völkerverständigung, Sicherheitspartnerschaft und einen Friedensvertrag. Stattdessen flüchtet man sich ins Allgemein-Philosophische, in die Formulierung vom ewigen Frieden, wohl wissend, dass es den sowieso nicht geben kann.

Um Missverständnisse auszuschließen muss ich hier feststellen: Ich bin sehr dafür, sich der toten deutschen Soldaten zu erinnern, ihren Tod zu bedauern und für die Angehörigen auch zu betrauern. Aber diese Erinnerung kann nicht darin bestehen, sie wie Helden zu verehren. Sie waren keine Helden, sondern haben eine verbrecherische Armee unterstützt, waren also Täter, im besten Falle irregeleitete Täter. Eine Gedenkstätte für sie, die zudem mitten in dem Land steht, in dem die Verbrechen begangen wurden, muss zum Ausdruck bringen, was passiert ist und – das Wichtigste – muss Reue widerspiegeln. Nach dem, was die deutsche Wehrmacht in der Sowjetunion angerichtet hat, wäre dies für die deutsche Erinnerungskultur das wichtigste Wort: Reue.

Den Rest der Reise überlegen wir, wie diese Reue heute aussehen müsste. Genügt es, wie mein Vater zu sagen: „Es war nicht recht, was wir in Russland gemacht haben“? Oder müsste es mehr sein: Gewaltverzicht, ein Friedensvertrag und Reparationszahlungen für die vielen Zerstörungen, die vielen Toten und das unermessliche Leid, das den Menschen angetan wurde. Merkwürdigerweise spielte die Frage der Reparationen mit der Sowjetunion, und auch nach 1990 mit Russland, nie eine Rolle im Gegensatz zu Griechenland und Polen. Diese beiden Länder beharren bis heute darauf. Wir stellen die Frage mehrfach unseren Gesprächspartnern, bekommen aber keine erklärende Antwort. Am ehesten vielleicht die einer älteren Frau, die den Krieg noch miterlebt hat: „Wir haben uns immer auf die eigene Kraft verlassen“, sagte sie, „Reparationen ist wie betteln, das mag der Russe nicht“.

Ich bedaure, die Reise nicht früher gemacht und meinen Vater mitgenommen zu haben. Für ihn wäre es wichtig gewesen, sein Eingeständnis den Menschen dort mitzuteilen und diesen hätte es gut getan, es zu hören. Dann was uns als tiefsten Eindruck in Erinnerung blieb, war der oft gehörte Satz, den ich bereits zitierte: „Wir hassen euch nicht mehr für das, was ihr uns angetan habt. Aber warum seid ihr uns immer noch feindlich gesonnen?“

Seit dieser Reise merke ich, wie dauerhaft und wie subtil diese feindliche Haltung ist. Unaufhörlich werden von Politikern und Medien die russlandkritischen und russlandfeindlichen Sichtweisen heruntergebetet ohne die Gegenseite darzustellen. Dabei besteht die Kunst der Diplomatie doch gerade darin, sich auch in die Position des anderen zu versetzen. Und wenn Russlandkenner, wie etwa die langjährige Russland-Korrespondentin Krone-Schmalz, mit ausführlichen Recherchen dagegen halten, werden sie kurzerhand auf den Index gesetzt, werden sie als Russlandversteher beschimpft und verschwinden aus der Öffentlichkeit. Das hat Methode. Hat sich da eine Russlandfeindlichkeit aus dem Nationalsozialismus hinübergerettet in die Bundesrepublik?

Wenn man unsere Erinnerungskultur betrachtet, könnte man dies glauben. Dieses Schandmal, vor dem wir stehen, ist das beste Beispiel dafür. Da werden die gefallenen Wehrmachtsoldaten der 16. Panzerdivision und der 16. Infanterie-Division geehrt, die mordend und brandschatzend durch Russland zogen, die Ermordung der Juden und die Dezimierung der Zivilbevölkerung militärisch absicherten bis sie schließlich in Stalingrad gestoppt werden konnten. Aufgestellt wurde das Ehrenmal von einem Kameradschaftsbund ehemaliger Stalingrad-Kämpfer, darunter auch die HIAG, also ehemalige SS-Mitglieder. (HIAG= Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit der Angehörigen der Waffen-SS e.V.)

Und wie kamen sie an das Grundstück? Die Stadt Münster stellte es kostenlos zur Verfügung. Damals gab es noch genübend Nazis und SS-Angehörige, die diese Entscheidung absicherten. Heute sieht es im Rat der Stadt ja etwas anders aus. Deshalb wäre es an der Zeit, dass die Stadt sich korrigiert. Morgen wäre eine gute Gelegenheit dazu, morgen, am 80. Jahrestag des Überfalls auf die Sowjetunion.

Es geht aber um mehr als um einen symbolischen Akt. Nehmen wir diesen Tag zum Anlass, unsere Erinnerungskultur zu überdenken, unser Verhältnis gegenüber Russland zu überdenken. Wer dauerhaften Frieden will, wer Völkerverständigung will, muss zuallererst die Sichtweisen von beiden Seiten in Betracht ziehen. Münsters Rathaus zeigt den Weg: „Audiatur et altera pars“, hängt im Friedenssaal des historischen Rathauses in Holz geschnitzt. Man höre beide Seiten.

Zuhören und die Sichtweisen der Anderen ernst nehmen ist aber nur der erste Schritt einer Erinnerungskultur, wie wir sie heute brauchen. Der zweite Schritt ist ein Schuldeingeständnis. Warum fiel es der Generation unserer Väter so schwer, ihre Verbrechen zu benennen? War die Schuld vielleicht zu groß? Was wäre da alles hoch gekommen, wenn sie den Opfern in Reue begegnet wären! Das war zu viel für sie. Da war es doch wesentlich einfacher, beim Feindbild der russischen Gefahr zu bleiben und die eigenen Untaten zu verdrängen. Damit hat die Generation unserer Väter aber uns eine Aufgabe hinterlassen, der wir uns stellen müssen.

Fast 120 Jahre hat es gedauert, bis Deutschland seinen Völkermord an den Herero und Nama anerkannt hat. So lange sollte die Aufarbeitung der Massenmorde in Russland nicht warten müssen.

Und damit bin ich zum Schluss wieder am Anfang meiner Rede: Es ist die Aufgabe von uns, den Söhnen, Töchtern und Enkeln der damaligen Täter, diese Aufgabe anzugehen, zur Völkerverständigung beizutragen und dafür Sorge zu tragen, dass von deutschem Boden nie wieder Krieg ausgeht.

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